Hinter einem schweren, samtenen Theatervorhang, der tiefrot leuchtet, angestrahlt von den Scheinwerfern vorn auf der Bühne, stehen drei Gestalten im Halbschatten. Zwei davon sind ältere Herren, welche in ein hitziges Gespräch vertieft sind, während die Dritte, ein junges Mädchen, diesem zuerst nur lauscht.
„Was wir uns wohl von unserem deutschen Publikum erwarten dürfen?“, rätselt einer von ihnen.
„Mein größter Wunsch ist es, der Menge zu gefallen, sie zu erstaunen. Die Menschen da draußen leben getreu dem Motto leben und leben lassen, trotzdem haben sie sicher hohe Erwartungen. Sitzen schon auf ihren Plätzen und möchten fasziniert und amüsiert werden.“
Unruhig beginnt er hinter dem Vorhang auf- und abzugehen. Seine Aufmachung lässt vermuten, dass er der Direktor des Theaters ist. Mit einem schicken Nadelstreifenanzug, die schwarzen Haare streng nach hinten gekämmt und einen Zylinder unter den Arm geklemmt. Er ist von großer Statur und seine neugierigen, braunen Augen ruhen rastlos auf dem Mann zu seiner Linken.
„Ach erzähl mir doch nichts von deiner ach so bunten und erwartungsvollen Menge!“, wiegelt der Zweite ab. „Beim Anblick ihrer leeren Gesichter will mir sogleich der Geist entfliehen.“ Die Worte des Mannes in seinem zerschlissenen, braunen Frack aus Tweet Stoff, scheinen den Leiter nur noch mehr zu verunsichern.
„Ich weiß genau, wie man den Geist des Volkes einfängt, ihn versöhnt mit der Welt und trotzdem war ich noch nie so rastlos vor einer Aufführung. Man könnte meinen, dass sie nicht das Beste der Theaterkunst gewöhnt ist, aber dennoch wirken sie belesen. Wie schaffen wir es, neuen Schwung in unser altes Theater zu bringen? Wie sie fesseln, damit sie an die Kassen stürmen und sich um Karten reißen, wie Hungernde um frische Backwaren? Doch nur der Dichter vermag es, die Leute so zu fesseln! Es obliegt nur dir, mein Freund, bitte tu dein Wunder heute!“
Verzweifelt wendet er sich an den Dichter in seinem Frack.
Dieser verzieht nur herablassend das Gesicht und wendet sich von dem Hilflosen ab.
Mit einem schweren Seufzer beginnt er zu lamentieren: „Was will ich mit dem kurzen Ruhm? Wenn vieles doch so missraten scheint und trotzdem wird es bejubelt, verschlungen von der Gewalt des Augenblicks. Was soll das bringen? Der Augenblick wirkt glänzend, doch erst, wenn es durch die Jahre gezogen ist, kommt es in wahrer Gestalt zum Vorschein. Warum also jetzt das Halbherzige bejubeln, wenn das Echte der Nachwelt oft verborgen bleibt?“
Nun schaltet sich die jüngste Person ein. Sie scheint ein lustiger Mensch zu sein, mit bunten Haaren, die sie zu wilden Zöpfen gebunden hat. Bunten Röcken, die wiederum mit bunten Flicken übersät sind und einer Bluse mit einem großen Print auf dem steht „lebe, liebe, lache!“.
Vor allem das mit dem Lachen scheint sie sehr ernst zu nehmen, denn sie lacht sehr viel und vor allem sehr laut.
Während des Gesprächs springt sie außerdem unaufhörlich von einem barfüßigen Bein auf das andere.
„Ach hört mir doch auf mit eurer Nachwelt! Selbst wenn ich von ihr sprechen wollte, stellt sich mir trotzdem die Frage, wer macht dem Hier und Jetzt Spaß? Denn genau das will es, Spaß und gute Laune!“ Wieder springt die lustige Person umher und lacht ausgelassen.
„Drum lasst der Fantasie freien Lauf, mit allen ihren Chören, Empfindungen, der Leidenschaft, ja auch mit ihrem Verstand und der Vernunft. Doch lasst euch von mir gesagt sein, auch ein bisschen Narrheit darf nicht fehlen.“ Mit erhobenem Zeigefinger schaut das Mädchen die beiden Alten ernst an. Nur um dann wieder in schallendes Gelächter auszubrechen.
„Na gut, das kann schon alles stimmen, doch muss auf der Bühne auch genug geschehen“, meldet sich nun wieder der Direktor des Theaters zu Wort. „Die Leute kommen, um zu schauen, wollen sehen, dass sich vor ihren Augen viel abspielt. Damit sie staunen und sogar gaffen können. Nur so schafft man es, dass einen das Publikum liebt.“ Die letzten Worte betont der man im Anzug mit Nachdruck und ebenfalls erhobenem Zeigefinger.
